Auszug aus: Liebe Leben -- Homosexualität und die Vielfalt der Lebensformen in Zeiten der Individualisierung, Flensburger Heft 68, März 2000, Unterkapitel aus dem Kapitel "Mann und Frau: Geschlechter der Liebe?", S. 82--86



 
 

Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität


Seit es die eindeutigen Rollenzuschreibungen als Frau oder Mann gibt, hat es Menschen gegeben, die sie durchbrachen. Manche tun dies sogar so gründlich, entschieden und dauerhaft, daß man nicht nur von Rollenunsicherheit oder Rollenwechsel, sondern wirklich von einem Geschlechtswechsel sprechen kann. Dies ist ein weites Feld mit vielen Abstufungen, und dementsprechend vielfältig sind auch die Begriffe, die hier verwendet werden:

Transvestiten sind Menschen, die Spaß daran haben oder ein Bedürfnis danach verspüren, Kleider des anderen Geschlechts zu tragen (cross dressing). Manche tun dies, um ihre Mitmenschen zu provozieren, manche weil ihnen das Spiel mit verschiedenen Rollen gefällt, andere weil sie erotische oder sexuelle Befriedigung dabei empfinden. Meist ist der Kleider- oder Rollenwechsel auf bestimmte Zeiten begrenzt oder findet gar heimlich statt.

Travestie ist die Bühnenform solcher Verkleidung, ein Gebiet der Kunst -- wenn z.B. ein Mann in sogenannten Frauenkleidern die laszive Diva spielt. Die Akteure solcher Verkleidung sind aber oft selbst, in ihrem Alltag, eindeutig Frauen oder Männer.

Transsexuelle sind Menschen, denen der Rollenwechsel zum anderen Geschlecht so wichtig ist, daß sie ihn total anstreben, meist bis hin zur medikamentösen oder gar chirurgisch-operativen Veränderung ihres Körpers. Nach dem deutschen Transsexuellen-Gesetz ist die Voraussetzung für eine operative Geschlechtsumwandlung, daß der/die Betreffende bereits eine längere Zeit in der angestrebten Geschlechtsrolle gelebt hat.

Eine neuere Bezeichnung für Transsexuelle ist Transidentische (oder, etwas umständlicher und abwertender, "Menschen mit Geschlechtsidentitätsproblemen"). Dieser Wechsel der Bezeichnung trägt dem Umstand Rechnung, daß es den Betroffenen in erster Linie um ihre Identität geht, ihr tiefinneres Erleben als Mann oder Frau, und meist überhaupt nicht um die Sexualität, also den geschlechtlichen Umgang mit anderen.

Die neueste Entwicklung auf dem weiten Feld der Geschlechtsrollen und -identitäten ist die sogenannte Transgender-Bewegung (gender ist das englische Wort für das soziale Geschlecht, im Gegensatz zu sex, das die biologische Seite des Mann- oder Frau-Seins meint). Sie hat sich in den USA schon seit einigen Jahren entwickelt und kommt nun langsam auch nach Deutschland. Diese Bewegung meint, wenn man den Begriff weit versteht, alle, die auf die eine oder andere Weise die Geschlechtergrenzen übertreten. Faßt man den Begriff eng, bezieht er sich nur auf jene, die den Geschlechtswechsel ausschließlich im Sozialen anstreben und die Eindeutigkeit einer körperlichen Umwandlung ablehnen.

Queer bedeutet im Deutschen schräg, querstehend. In Nordamerika und England wird queer seit Anfang der 90er-Jahre als neuer Begriff für gay, lesbian, bisexuell, transgender benutzt, als Bezeichnung für alle, die jenseits der heterosexuellen Familiennorm stehen.

Intersexuelle (= Zwitter, Hermaphroditen) sind schließlich diejenigen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale uneindeutig geblieben sind. Wenig bekannt ist, daß solche Menschen meist schon kurz nach der Geburt operativ einem der beiden Geschlechter angepaßt werden. Betroffene Erwachsene beschreiben solche Eingriffe zunehmend als Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte und schließen sich in Selbsthilfe- und Aktionsgruppen zusammen.


Was veranlaßt einen Menschen, unbedingt in einem Körper des jeweils anderen Geschlechtes leben zu wollen? Der Grund zu einem Rollen- oder Geschlechtswechsel ist häufig die Empfindung, im falschen Körper zu leben. Etliche Transsexuelle beschreiben ihren ursprünglichen Körper wie ein Gefängnis, und entsprechend erleben sie die Geschlechtsumwandlung als Befreiung in ein neu geschenktes, zweites Leben. Manche machen nach dieser 'zweiten Geburt' viele Prozesse noch einmal durch, selbst wenn sie den Geschlechtswechsel z.B. erst mit 50 Jahren erleben: sie verlieben sich wie 15-Jährige, und sie müssen die Verhaltenssicherheit im neuen Geschlecht mühsam erlernen.

Eine anthroposophisch orientierte Betrachtung dieses Phänomens beim einzelnen Menschen bedürfte derselben Vorsicht, wie sie Bernard Lievegoed bereits bezüglich der Homosexualität angemahnt hat:

"Gerade die Wahl solcher Inkarnationsbedingungen (...) hat einen tiefen karmischen Hintergrund, den man nur dann zu beurteilen vermag, wenn man in verantwortlicher Weise das Karma eines anderen Menschen durchschauen kann. Solange dies nicht möglich ist, enthalte man sich aller Spekulationen und vor allem allgemeiner Äußerungen über mutmaßliche karmische Hintergründe."  (Der Mensch an der Schwelle, S. 103)
Wir dürfen aber ein wenig darüber spekulieren, welchen kultur- und menschheitsgeschichtlichen Sinn das heute verstärkt wahrnehmbare Auftreten transsexueller und anderer, die Geschlechtergrenzen sprengender Menschen haben könnte.

Steiner hat nicht nur darauf hingewiesen, daß die Trennung der Geschlechter noch vor dem Ende der Erdenphase der Weltentwicklung wieder aufgehoben wird, sondern auch die Aufgabe der anthroposophischen Bewegung für diese Entwicklung beschrieben:

Die theosophische bzw. anthroposophische Bewegung "bereitet auf geistigem Gebiet vor, was später auf dem physischen Plan geschehen wird: die Wiedervereinigung der Geschlechter. () Die Weisheit der Zukunft muß geholt werden aus dem höheren Menschen heraus, der in beiden Menschen gleich lebt, dem weiblichen und dem männlichen. Das zu entwickeln, worauf es ankommt, worauf der physische Plan gar keinen Einfluß mehr hat, das ist der Zweck der theosophischen Bewegung. (...)
Das Ideal der Theosophie ist: durch die Weisheit, die von den höheren Planen kommt, auch auf dem physischen Plan ein menschliches Geschlecht herbeizuführen, welches über der Geschlechtlichkeit steht."  (Vortrag v. 23.10.1905, GA 93)
Wenn die Entwicklung der Menschheit auf eine Überwindung der Trennung in zwei Geschlechter angelegt ist und auch die Anthroposophie diese Überwindung geistig vorzubereiten hat, dann müssen die immer stärker bewußt werdenden Angleichungen und Aufweichungen des Gegensatzes von Frau und Mann -- die ja oft wesentlich handfester daherkommen, als es dem geistigen Anliegen der Anthroposophie zu entsprechen scheint, eben bis hin zur geschlechtsumwandelnden Operation -- in einem völlig anderen Licht erscheinen. Sie wären dann nicht als Abweichungen von einer fraglichen Normalität zu pathologisieren -- was leider auch heute noch geschieht.  Die verschiedenen Lebensformen entlang der Geschlechtergrenzen wären vielmehr Experimente in neuen Freiräumen, Annäherungsversuche an geahnte Zukünfte... Phänomene wie Bi- und Homosexualität oder Geschlechtswechsel müßten in diesem Licht als tastende Versuche interpretiert werden, Zukunft vorwegzunehmen. Schließlich ist nicht erst die Anthroposophie angetreten, die Überwindung des Geschlechtergegensatzes vorzubereiten:
"Es gibt schon im ganzen Mittelalter eine großartige Vorbereitung für die Erzeugung des anderen Geschlechts im Manne auf geistige Weise. Der Mann erzeugt durch Konzentration in sich zuerst als Gedanke, was später in ihm als Sein entstehen soll. Daher entstand im ganzen Mittelalter als Vorbereitung dazu der Marien-Kultus. Der ist nichts anderes als die Konzentration zur Erzeugung des Weiblichen im Männlichen, während beim Weibe der Jesuskult dem gleichen Zweck diente."  (Vortrag v. 23.10.1905, GA 93)
Sicher gibt es heute modernere geistige Gesichtspunkte, als es ein mittelalterlich-atavistischer Marienkult noch sein kann. Vielleicht wäre etlichen Grenzgängern -- Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Personen oder Transidentischen und anderen -- das Leiden unter den starren Rollenzwängen unserer Gesellschaft zu erleichtern, wenn sie Gesichtspunkte aus denjenigen Bereichen erhielten, die über das Geschlechtliche hinausweisen: Wenn Astralleib und Ich vom Geschlechtergegensatz weitgehend unberührt sind, gibt es keinen Grund, das soziale Leben von diesem Gegensatz bestimmen zu lassen. Nur die körperliche Liebe ist an den Leib gebunden; die drei anderen -- anfänglich schon die erotische, noch mehr die kommunikativ-soziale und erst recht die spirituell-geistige -- haben mit dem Unterschied von Frau und Mann immer weniger zu tun.


Literatur:

Lievegoed, Bernard: Der Mensch an der Schwelle. Stuttgart 1985 (Freies Geistesleben)

Steiner, Rudolf (GA 93): Die Tempellegende und die Goldene Legende als symbolischer Ausdruck vergangener und zukünftiger Entwickelungsgeheimnisse des Menschen. Vorträge vor Mitgliedern der Theosophischen Gesellschft (1904--1914).
 


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